HeldinnenAward 2026 verliehen

Am 28. September wurde in Berlin der „HeldinnenAward“ der Alice-Schwarzer-Stiftung verliehen. Der Preis ging in diesem Jahr an zwei Frauen, die sich beispiellos für die Opfer von sexuellem Missbrauch einsetzen.
(v.li.) Laudatorin Christiane Florin, 2. Vorsitzende Bettina Flitner, Preisträgerin Maria Mesrian, Stiftungsvorsitzende Alice Schwarzer, Preisträgerin Kirsten Bruchhäuser und ihre Laudatorin Désirée Nosbusch.
(v.li.) Laudatorin Christiane Florin, 2. Vorsitzende Bettina Flitner, Preisträgerin Maria Mesrian, Stiftungsvorsitzende Alice Schwarzer, Preisträgerin Kirsten Bruchhäuser und ihre Laudatorin Désirée Nosbusch.

Am Montag 28. September wurde in Berlin der „HeldinnenAward“ verliehen. Der Preis der Alice-Schwarzer-Stiftung ging in diesem Jahr an zwei Frauen, die sich beispiellos für die Opfer von sexuellem Missbrauch einsetzen: An Kirsten Bruchhäuser, die in Sachsen-Anhalt den Pferdehof „Maruschka“ für Mädchen betreibt, die schwerste sexuelle Gewalt in der Familie erlebt haben. Und Maria Mesrian, Aktivistin von Maria 2.0 und Initiatorin der Beratungsstelle „Leuchtzeichen“, die Missbrauchsopfer der Kirche im Kampf gegen die übermächtige Institution unterstützt.

Die Preisverleihung fand in der Landesvertretung Baden-Württemberg statt. Die rund 200 Gäste im Saal werden schlagartig leise. Sie fixieren den Bildschirm. Dort läuft ein Film von Bettina Flitner. Ein kurzes Video über die Arbeit von Kirsten Bruchhäuser. Sie ist eine der beiden Preisträgerinnen des diesjährigen „HeldinnenAwards“. Das Video zeigt ihre Arbeit mit „Systemsprengerinnen“. Mädchen, die so schwerwiegenden sexuellen Missbrauch erlebt haben, dass ihnen kein Kinderheim, keine Pflegefamilie mehr helfen konnte. Kirsten Bruchhäuser schafft das – mit der Hilfe von 29 Pferden.

Einige der Mädchen vom Hof „Maruschka“ sind an diesem Montagabend im Saal der Landesvertretung Baden-Württemberg. Die Reise nach Berlin war nicht leicht für sie.

Siftungsvorsitzende Alice Schwarzer berichtet über den Kampf gegen Sexuellen Missbrauch seit den 1970er Jahren: Zu lange wurde die Gefahr für Mädchen und Jungen geleugnet.
Siftungsvorsitzende Alice Schwarzer berichtet über den Kampf gegen Sexuellen Missbrauch seit den 1970er Jahren: Zu lange wurde die Gefahr für Mädchen und Jungen geleugnet. Fotos: Bettina Flitner

Dann betritt Alice Schwarzer die Bühne, die erste Journalistin, die sexuellen Missbrauch in Deutschland zum Thema machte. EMMA brach im April 1978 das Schweigen und berichtete über „Das Verbrechen, über das niemand spricht“. Heute wissen wir: jedes dritte bis vierte Mädchen ist betroffen und jeder zehnte Junge. Die Mädchen oft in der eigenen Familie, die Jungen in Institutionen wie dem Sportverein und Internat.

„Sexueller Missbrauch ist keine Einzeltat, er ist epidemisch“, erinnert Schwarzer. „Eine frühe Brechung, an der die Opfer oft lebenslang zu leiden haben.“ Sie rekapituliert die Jahrzehnte, in denen die Gefahr für Mädchen und Jungen noch geleugnet wurde. Das Schlimme war: Diese Gefahr ging nicht nur von den traditionellen Patriarchen aus, sondern nun auch von ihren vermeintlich fortschrittlichen Söhnen, dem „progressiven Zeitgeist“. Die 1980er sind die Zeit der „falschen Kinderfreunde“, der Kampagne vom „Missbrauch des Missbrauchs“.

Schwarzer beschreibt, wie vor allem linke Kreise „das Recht des Kindes auf Sexualität“ propagierten und Pädophilie salonfähig machten. „1980 wollten SPD und FDP sogar den Inzest-Paragrafen streichen. Es ist vor allem der Verdienst von EMMA, dass es dazu nie gekommen ist!“, sagt Schwarzer.

Heute sei sexueller Missbrauch zwar kein Tabuthema mehr, doch passiere er noch immer tausendfach. Inzwischen auch virtuell, wofür oft reale Opfer benutzt würden. Kerstin Claus, die Missbrauchsbeauftragte der Bundesregierung, nickt zustimmend.

Schauspielerin Désirée Nosbusch mit Kirsten Bruchhäuser. - Foto: Bettina Flitner
Schauspielerin Désirée Nosbusch mit Preisträgerin Kirsten Bruchhäuser.

Die Laudatio für Kirsten Bruchhäuser hielt Désirée Nosbusch. Die Schauspielerin wurde als Kinderstar in den 1980er-Jahren selbst Opfer von sexuellem Missbrauch durch ihren älteren Manager. „Wir versagen ausgerechnet da, wenn es um den Schutz der Schwächsten unserer Gesellschaft geht. Wir versagen beim Schutz der Kinder“, beginnt Nosbusch ihre Laudatio. „Kirsten Bruchhäuser ist eine, die gegen dieses Versagen ankämpft. Sie und ihre 29 Pferde versuchen zu heilen, was andere zerstört haben“, sagte Nosbusch sichtlich berührt und fügte hinzu: „Viele Frauen in diesem Saal wissen, was es bedeutet, gegen den eigenen Willen bedrängt zu werden, sich nicht wehren zu können, ausgeliefert zu sein. Als Mädchen, als Frau. Ich eingeschlossen.“

Von Nosbuschs Worten bewegt betrat dann Kirsten Bruchhäuser die Bühne und bedankte sich bei all den Frauen, die dazu beitragen, dass der Hof Maruschka existieren kann. „Ich stehe für euch alle hier“, sagte Kirsten.

Die Journalistin Christiane Florin und Preisträgerin Maria Mesrian.  Foto: Bettina Flitner
Journalistin Christiane Florin und Preisträgerin Maria Mesrian.

Die Laudatio für Maria Mesrian hielt die Deutschlandradio-Kultur-Chefin Christiane Florin, die seit vielen Jahren gegen den Missbrauch in der Katholischen Kirche anschreibt. „Liebe Maria, uns verbindet der Kampf gegen eine angebliche göttliche Ordnung, in der geweihte Männer Frauen ihren Platz zuweisen und verhindern wollen, dass die Weiber aufstehen“, sagte Florin und schlug den Bogen von Anfängen von „Maria 2.0“ zu den Frauen, die heute um Gerechtigkeit kämpfen, vor der Kirche und vor Gericht. „Maria, du bist aufgestanden und du hast tausenden Katholikinnen den Blick geschärft. Deine Beratungsstelle ‚Leuchtzeichen‘ stellt in kleinen Räumen unweit des Kölner Doms ganz große Fragen nach Gerechtigkeit und Wahrheit.“ Betroffene sexueller Gewalt kommen dorthin und bekommen psychosoziale Begleitung und rechtliche Unterstützung.

Bei diesen Worten betritt die zweite Heldin, Maria Mesrian, die Bühne. Sie war aus Köln angereist, wo sie „im Auge des Taifuns“ (Schwarzer) kämpft, indem sie Opfern der Katholischen Kirche hilft. In der Kirchenreformbewegung „Maria 2.0.“, mit ihrem Verein „Robin Sisterhood“ und mit der Beratungsstelle „Leuchtzeichen“ in Köln. Dorthin können die Mädchen und Frauen kommen, deren Klagen die Bischöfe nicht hören wollen. Maria Mesrian hat fünf Kinder, was sie und ihre Helferinnen nicht hindert, immer ein Ohr für die Opfer zu haben. In ihrer Dankesrede erwähnte sie auch “meine Mutter, die mir immer den Rücken freigehalten hat“. Es sind die Frauen, die die Frauen retten.

Ein bewegender Abend in der Berliner Landesvertretung von Baden-Württemberg.   Foto: Bettina Flitner
Ein bewegender Abend in der Berliner Landesvertretung von Baden-Württemberg.

„Danke, Alice, dass du dich dein ganzes Leben gegen Kindesmissbrauch eingesetzt hast. Du und deine mutigen Frauen von EMMA, ihr habt missbrauchten Frauen und Kindern eine Stimme gegeben, als die noch niemand hören wollte.“

Auch Maria Mesrian kam in Begleitung. Melanie Peters war mit dabei, die über Jahre nahezu täglich von einem Dorfpfarrer in einem kleinen Ort in der Nähe von Aachen vergewaltigt wurde und erst mit Maria Mesrian an ihrer Seite die Kraft fand, den Täter anzuzeigen und vor Gericht zu bringen. Ebenso sind die Anwältinnen im Saal, die die Frauen vor Gericht vertreten. „Noch geht Schutz der Institutionen über den Schutz der Betroffenen. Dagegen werden wir weiterkämpfen. Dieser Preis ist für mich Ermutigung und Antrieb zugleich“, sagte Maria kämpferisch.

Der HeldinnenAward wurde zum vierten Mal verliehen. In den Jahren zuvor ging er an Kämpferinnen gegen Prostitution (2025) und Genitalverstümmelung (2024). Im Jahr 2023 ging er erstmals an Nasrin Sotoudeh, die todesmutige Anwältin in Teheran, die es wagt, Frauen zu verteidigen, die sich das Kopftuch vom Haar reißen. Sotoudeh ging dafür selbst auch ins Gefängnis.

Für alle Heldinnen ist der Preis eine Bestärkung in ihrem oft harten Kampf. Auch für Kirsten Bruchhäuser und Maria Mesrian an diesem so bewegenden Abend.

Nachfolgend die Aufzeichnung der Preisverleihung als Video: